Nichtepileptische Anfälle bei Kindern und Jugendlichen                             

Es gibt nicht-epileptische Anfälle, die als epileptische Anfälle missdeutet werden können.

Im Säuglingsalter

sind es oft die Schauderanfälle (engl. „shudderings“, „shuddering attacks“), das sind Frösteln-ähnliche nichtepileptische Zitteranfälle gesunder Säuglinge, auch bis ins 2. Lebensjahr. Sie erfolgen nur im Wachzustand und sind besonders bei aufregenden Ereignissen (z.B. beim Essen) zu sehen. Dabei besteht kein Bewusstseinsverlust und auch ein normales EEG. Später unauffällige Entwicklung der Kinder.

Die Hyperekplexie (auch Startle-Krankheit oder Stiff baby-Syndrom genannt) ist eine seltenere, meist erbliche Erkrankung; mit extremer Schreckhaftigkeit und Übererregbarkeit schon im Neugeborenenalter, dabei u.a. starkes Zittern der Arme und Beine, Verkrampfung der Hände und Finger, Opisthotonus-Haltung. Bei Erschrecken typische „startle reaction“, wobei die Arme weit auseinandergerissen werden. Besserung i.d.R. mit zunehmendem Alter, notfalls Behandlung mit Benzodiazepinen oder Valproat.       

Die nicht seltenen gutartigen Schlafmyoklonien des Säuglings beginnen in der Regel schon im Neugeborenenalter - in den ersten 4 Lebenswochen. Sie treten nur bei Müdigkeit und im Schlaf auf. Es sind rhythmische wie auch irreguläre Zuckungen von mehreren Minuten, ausnahmsweise auch von über einer halben Stunde Dauer, die sowohl generalisiert als auch an wechselnden Gliedmaßen zu sehen sind und immer durch Aufwecken des Kindes zu beenden sind. Sie verschwinden in der Regel bis zum 6. Lebensmonat. Das EEG ist bei diesen Kindern zwischen den Anfällen und während der Anfälle normal.

Affektkrämpfe gibt es schon beim älteren Säugling  (andere Bezeichnungen: respiratorische Affektanfälle, breath-holding spells, Schreikrämpfe, Wegbleiben, Wegschreien, Wutkrämpfe). Es sind anfallsartige Bewusstseinsstörungen (Synkopen, siehe unten), die durch unangenehme Reize (Affekte) ausgelöst werden. Die dabei gelegentlich auftretenden Streckkrämpfe, verbunden oft auch mit einigen Zuckungen (Kloni), sind durch den Sauerstoffmangel bedingt ("anoxische Krämpfe") und keine epileptischen Anfälle.

Schon bei Säuglingen ab 3 Monaten (eher bei Kleinkindern) können durch eine Selbststimulation (frühkindliche Sebstbefriedigung) anfallsverdächtige Erscheinungen auftreten. Dabei sind – besonders im Sitzen, etwa im Autositz – in stereotyp sich wiederholender, doch individuell recht unterschiedlicher Form wippende Körperbewegungen, ein Zusammenpressen der Oberschenkel, auch Starren, Stöhnen, sowie vegetative Symptome wie Erröten des Gesichts und Schwitzen, zu beobachten. Eine Stimulation des Genitale – etwa durch Anfassen und Reiben – erfolgt dabei in der Regel nicht.

Der „Spasmus nutans“ beginnt in der Regel im Säuglingsalter mit einer zwanghaften Kopfschiefhaltung („Torticollis“), Kopfnicken und schnellem Augenrucken („Nystagmus“, nicht symmetrisch, gelegentlich nur einseitig). Schwinden dieser Symptome i.d.R. im frühen Kleinkindesalter.

 

Im Kleinkindesalter

erschreckt die Eltern besonders häufig - außer den o.a. Affektkrämpfen - der  Pavor nocturnus  (auch Nachtschreck, Nachtangst, nächtlicher Angstanfall genannt).

Angstträume (Alpträume) werden dagegen von Kindern meist in der zweiten Nachhälfte, im Leichtschlaf (→ REM-Schlaf), halb-bewusst erlebt, oft nach angstvollen Erlebnissen am Tag vorher. Sie wachen davon auf und können den Inhalt erzählen und von den Eltern getröstet werden.

„Benigner paroxysmaler Schwindel“ nennt man nichtepileptische Schwindelanfälle im Kleinkindesalter von kurzer Dauer (i.d.R. höchstens 1 Minute), ohne Vorboten auftretend und ohne Bewusstseinstrübung, dabei Bässe, Angst, oft auch Augenrucken (→ Nystagmus). Sie verschwinden bis zum Schulalter und bedürfen keiner Behandlung.

Besonders im Kleinkindesalter kommen auch Selbststimulationen (siehe oben bei Säuglingen) vor.

 

Schulkinder

leiden oft unter Tics - das sind gleichförmig (stereotyp) sich wiederholende, unwillkürliche plötzliche Zuckungen, auch  kurze Verkrampfungen , z.B. der Augenlider, einer Gesichtsseite oder Schulter, bei nichtepileptischer "nervöser" Übererregbarkeit, oft psychisch verstärkt, gelegentlich auch hirnorganisch bedingt. Sie unterscheiden sich damit deutlich von den epileptischen Myoklonien. 

An eine kindliche Migräne muss gedacht werden, wenn anfallsartig Sehstörungen, Verwirrtheitszustände, Übelkeit, Schwindel, Sprachstörungen oder Leibschmerzen auftreten - gelegentlich auch ohne nachfolgende Kopfschmerzen.

Anfallsartig erscheinen oft auch die durch einen Blutdruckabfall verursachten Ohnmachten (Synkopen, siehe unten), meist  durch vegetativ-nervöse Gefäßerweiterung ausgelöst. Auch dabei können gelegentlich kurze Krämpfe auftreten (nichtepileptische „konvulsive Synkopen“, siehe unten).

Im Jugendalter

sehen wir selten - im Kindesalter noch seltener - psychogene nichtepilepische Anfälle („dissoziative Anfälle“). Diese sind keine "simulierten Anfälle", sondern sie müssen als Äußerung einer psychischen Störung verstanden werden. Hinweise darauf  sind dramatische Ausgestaltung mit wechselnd gestalteter Motorik, mit u.a. ausschlagenden Bewegungen der Gliedmaßen, dabei geschlossenen Augen, Widerstand gegen Lidöffnung, auf Lichteinfall reagierende Pupillen, und eine längere Dauer der Anfälle mit Neigung zum → Status ("Status pseudoepilepticus").  Das Bewusstsein ist meist eingeschränkt, die Sinneswahrnehmung erhalten. Eine Kontaktaufnahme kann dabei einem einfühlenden geschulten ärztlichen Beobachter möglich sein. Vorkommen mehr bei Mädchen als bei Jungen, oft verbunden mit Schulversagen, familiären Konflikten und Angststörungen.. Ein Video-EEG kann die Diagnose bestätigen. Betroffene leiden oft zusätzlich unter epileptischen Anfällen. Eine Behandlung ist möglich durch einen Psychologen.

Bei Jugendlichen ereignen sich häufig Synkopen. Das sind nichtepileptische, meist kurze Ohnmachten. Eine solche Ohnmacht oder auch Kollaps (lat. collapsio=Zusammenbruch) ist die Folge einer verminderten Hirndurchblutung verschiedener Ursache, z. B. Hitze, längeres Stehen (orthostatischer Kollaps) oder Herzrhythmusstörungen; nicht selten auch einer psychovegetativen Erweiterung der Blutgefäße („vagovasale Synkopen“, z.B. bei oder nach einer Blutabnahme). Ankündigung oft durch Schwindelgefühl, Sehstörungen ("mir wird schwarz vor den Augen") und Blässe. Sturz in der Regel als schlaffes Zu-Boden-Gleiten, erst danach (dies ist zur Unterscheidung vom epil. Anfall wichtig) erfolgen oft auch leichte Zuckungen und/oder kurze tonische Verkrampfung.(sogen. „konvulsive Synkope“); auch ein Urinabgang ist dabei möglich. Meist rasche Erholung im Liegen und Erinnerung an den Beginn. An die seltenen kardialen Synkopen muss gedacht werden, wenn sie bei Kindern unter körperlicher Anstrengung auftreten. Ursachen sind Funktionsstörungen des Herzens, etwa Rhythmusstörungen oder Herzfehler. Da sie gefährlich sein können, müssen sie bei Verdacht sicher ausgeschlossenen werden, z.B. durch ein Belastungs-Ekg.                                                           

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