(59) Welche Nebenwirkungen sind von Antiepileptika
zu erwarten?
Jedes wirksame Medikament hat auch
Nebenwirkungen. Man wird es nur anwenden, wenn sein Nutzen im Vergleich zu
seinen unerwünschten Nebenwirkungen eindeutig überwiegt.
In der zur Anfallsfreiheit
notwendigen Dosis haben Antiepileptika in den meisten Fällen keinen erheblichen
Einfluß auf das Verhalten, die Aktivität und das Lernvermögen der Kinder. Dies
gilt besonders für die Behandlung mit nur einem Medikament (einer Monotherapie)
bis zu einer mittleren Dosierung.
Eine durch Medikamente bewirkte
Anfallsfreiheit - besonders deutlich etwa bei häufigen Absencen - kann dagegen den
Schulerfolg, die Entwicklung und das Wohlbefinden des Kindes deutlich
verbessern.
Doch gibt es bei einigen Kindern
besondere Empfindlichkeiten mit andauernden und erheblichen Nebenwirkungen auch
schon bei geringer oder mittlerer Dosierung. Im Einvernehmen mit dem Arzt und
viel Geduld ist dann zu prüfen, ob eine verminderte Dosis oder ein Wechsel auf
ein anderes Mittel eine ausreichende Behandlung ermöglicht. In Einzelfällen,
besonders bei gutartigen Herdepilepsien, ist dann auch die Frage nach der Notwendigkeit der
medikamentösen Behandlung
neu zu stellen.
Nebenwirkungen, die bei allen
Antiepileptika auftreten können, sind Müdigkeit, Konzentrationsschwäche,
Vergesslichkeit. Andere - etwa Appetitlosigkeit oder Appetitzunahme, psychische
Verstimmung oder Aufhellung, Wirkungen auf die Blutbildung oder den
Stoffwechsel in der Leber und damit den Abbau anderer Medikamente - sind oft
bei einem Mittel von erheblicher, bei dem anderen fast ohne Bedeutung.
Alle Antiepileptika können auch
eine Anfallsbereitschaft erhöhen, vor allem bei einer Kombinationsbehandlung.
Bei neueren Wirkstoffe – z.B. Topiramat, Vigabatrin, Gabapentin, Lamotrigin –
kommt es dazu in etwa 5-10 Prozent der Fälle, auch bei sachgerechter Anwendung.
Wenn bei einer Einstellung
Nebenwirkungen auftreten, vermindern sie sich in der Regel bei Verringerung der
Dosis und verschwinden bei Absetzen des Medikaments. Einige Nebenwirkungen
können auch durch eine Gewöhnung unter einer unveränderten Dosierung nach
einigen Tagen bis Wochen deutlich nachlassen.
Fast alle akuten Nebenwirkungen
sind Dosis-abhängig und führen nicht zu einer bleibenden Schädigung oder
Entwicklungsstörung. Letzteres gilt auch für die - nur zum Teil
Dosis-abhängigen - Allergien (Überempfindlichkeitsreaktionen). Fatale,
lebensgefährliche Nebenwirkungen schon in der Einstellungsphase - wie ein
toxisches Leberversagen oder toxische Hautreaktionen - kommen bei Beachtung der
üblichen Vorsichtsmaßnahmen nur äußerst selten vor.
Eine Anhäufung von Medikamenten
oder ihrer Abbauprodukte mit Verbleib im Körper durch eine Langzeitbehandlung -
wie von Eltern gelegentlich befürchtet - kann nicht vorkommen, weil diese
ständig - und bei Entzug völlig - im Stoffwechsel abgebaut und vom Körper
ausgeschieden werden.
Langzeitrisiken, etwa eine
Kalkverarmung der Knochen bei Phenobarbital- oder Phenytoingabe, sind durch
ärztliche Kontrollen und Gegenmittel (z.B. Vitamin D) in der Regel zu
verhindern. Irreparable mögliche Langzeitschäden sind fast nur von selten
gebrauchten Medikamenten bekannt, etwa von Vigabatrin. Weil das Langzeitrisiko
von neueren Medikamenten nie sicher vorausgesagt werden kann, sollten diese
besonders bei Kindern nur zurückhaltend und erst bei Versagen altbewährter
Wirkstoffe eingesetzt werden.
Erhebliche Nebenwirkungen über
längere Zeiträume oder mögliche Langzeitschäden wird man sehr selten in Kauf
nehmen, und nur wenn Form und Häufigkeit der Anfälle keine andere Wahl lassen.
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