Wie sehen Herdanfälle (fokale/ partielle Anfälle) aus ?

Zu unterscheiden sind

einfach fokale Anfälle (siehe unten), komplex-fokale Anfälle, Jackson-Anfälle.  sekundär generalisierte Anfälle, atypische Absencen.

Die Merkmale (Erscheinungen/ Symptome) dieser Anfälle und deren Abfolge bei einer Person wiederholen sich in der Regel weitgehend gleichförmig ("stereotyp"). Dauer und Stärke der Anfälle - die Heftigkeit oder die Deutlichkeit der Ausprägung der Symptome - können dabei wechselhaft sein.

Wenn sich die epileptische Erregung immer auf einen Herd beschränkt, kommt es immer wieder zu weitgehend einförmigen, sogenannten  einfach-fokalen Anfällen. Bei diesen ist das Bewusstsein nicht getrübt, sie werden also vom Betroffenen erlebt.

Einfache motorische Herdanfälle zeigen Zuckungen (Kloni) oder (tonische) Versteifungen/Verspannungen einzelner Muskeln oder Muskelgruppen , etwa eines Armes oder auch einer Gesichtshälfte. Nachfolgend können betroffene Muskeln bzw. Gliedmaßen vorübergehend - meist nur Minuten - gelähmt sein ("Toddsche Lähmung"). Das erklärt sich durch die vorübergehende Erschöpfung des betroffenen Hirnrindengebietes nach epileptischer Übererregung.

Bei versiven oder Wende-Anfällen kommt es zu steifen - meist langsamen, zeitlupenartigen - Körperdrehungen und -wendungen oder nur Wendebewegungen von Augen, Kopf und/ oder Oberkörper. Unterschieden werden Ipsiversivanfälle, mit Wendung zur Seite des epileptischen Herdes im Gehirn, und Adversivanfälle zur Gegenseite (lat. adversus = entgegengesetzt).

Geht der Anfall von einem sensiblen, das heißt für das Gefühl zuständigen Rindengebiet aus, ergeben sich an den betroffenen Körperteilen Missempfindungen, etwa ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl. Dies nennt man einen sensiblen Herdanfall.

Die Kombination beider Anfallsformen, die wegen der Verflechtung und Nachbarschaft motorischer und sensibler Hirnrindengebiete häufig vorkommt, ist ein sensomotorischer Anfall.

Außer sensiblen Mißempfindungen kann ein Betroffener bei sensorischen Anfällen - seltener - falsche Empfindungen des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens oder des Gleichgewichts haben. Solche "Halluzinationen" können etwa Lichtblitze, Töne, unangenehme Gerüche oder Schwindelgefühle sein.

Vegetative (auch "autonom" genannte) Erscheinungen wie Blässe oder Erröten, Schwitzen, Erbrechen, Pupillenerweiterung, Herz- oder Atemfrequenzsteigerung kommen vor.

Epigastrisch (gr.epi=über, gaster=Magen) nennt man fremdartige Gefühle mit Mißempfindungen, die vom Bauchraum zum Kopf aufsteigen und mit Wärme- oder Kältegefühlen verbunden sein können.

Bei Erinnerungstäuschungen (dysmnestischen Anfällen) werden frühere Erlebnisse oder Eindrücke noch einmal mit einem schwer beschreiblichen Gefühl der Vertrautheit und zugleich Verfremdung erlebt, auch gesehen oder gehört. (→ deja-vecu/ deja vu/ deja-entendu).

Alle Sinnestäuschungen können isoliert, auch als Aura, empfunden werden. Sie können auch miteinander kombiniert oder im Zusammenhang mit motorischen Erscheinungen (siehe oben) erlebt werden. Die epileptische herdförmige Erregung kann sich im Verlaufe eines Herdanfalls in benachbarte Hirngebiete ausbreiten, wie bei Jackson-Anfällen. Sie kann auch auf tiefergelegene und entferntere Hirnzentren überspringen. Damit können sich auch Empfindungen, Bewußtseinsstörungen und Bewegungsabläufe bei einem Herdanfall verbinden, wie bei den komplex-fokalen Anfällen.

Schließlich kann die herdförmige epileptische Erregung - oft auf dem Umweg über eine vorausgehend bewirkte Aura, einen Jackson-Anfall oder komplex-fokalen Anfall - auch das ganze Gehirn erfassen und einen sekundär generalisierten Anfall auslösen.

Bei "multifokalen" (lateinisch multi = viele) Epilepsien gibt es mehrere Anfallsherde, die gleichzeitig oder hintereinander oder abwechselnd sehr unterschiedlich ausgestaltete Anfälle auslösen können, auch Bewusstseinsstörungen wie die atypischen Absencen.

Fokale Anfälle können sich somit in allen möglichen Empfindungen und Lebensäußerungen ausprägen, dazu in verschiedenen - unzähligen - Kombinationen.
                                                                                                                                                       Nächste Seite:
Was sind komplex-fokale Anfälle?
zur Fragenübersicht Anfälle

zur Hauptseite/Inhaltsübersicht