(86) Was ist zu beachten, wenn Lichtreize Anfälle auslösen?
Bei etwa 8 Prozent aller Kinder im
Alter von 5 bis 15 Jahren – auch bei anfallsfreien, gesunden Kindern - findet
man zeitweise im EEG bei einer Reizung mit flackerndem Licht ( Fotostimulation
) unregelmäßige Spitze-Welle-Muster (
spike-wave-Komplexe ), also epilepsietypische
Potentiale. Diese
Erscheinung nennt man Fotosensibilität ( Lichtempfindlichkeit ). Bei Mädchen
findet man diese Erscheinung 1,5 - 2 mal häufiger als bei Jungen.
Bei unter Flickerlicht deutlich
erkennbarer Fotosensibilität sollte man bei Routine-EEG-Kontrollen eine
Fotostimulation vermeiden, oder diese allenfalls nur vorsichtig anwenden und
beim Auftreten der ersten Spitzenpotentiale abbrechen, um nicht das Risiko
einzugehen, unter der EEG-Ableitung einen Anfall damit auszulösen.
Nur 2,5 % ( ! ) der fotosensiblen
Kinder erkranken an einer Epilepsie. Bei Kindern mit einer Epilepsie findet man
eine Fotosensibilität vermehrt, in etwa 25 Prozent, besonders bei Epilepsien
mit idiopathischen
generalisierten Anfällen
sowie bei Okzipitallappen-Epilepsien. Aber nur bei einem ( ! ) Kind von 10
fotosensiblen Anfallskindern lösen Lichtreize "fotogene Anfälle" aus,
vor allem generalisierte
Krampfanfälle und Absencen. Wenn die Anfälle vorwiegend durch
Lichtreize ausgelöst werden, spricht man von einer fotogenen Epilepsie oder Foto-Epilepsie.
Von Kindern mit solchen fotogenen Anfällen ist meistens schon
bei der Diagnose einer Epilepsie und Einstellung auf ein Medikament die
Auslösung von Anfällen durch Lichtreize bekannt. Besonders flimmernde
Hell-Dunkel-Kontraste, wie sie von Fernsehgeräten oder Monitoren von Computern,
besonders auch bei Video-Spielen vorkommen, können bei ihnen Anfälle
hervorrufen. Die kleinen sogenannten "game-boys" kommen dagegen als
Auslöser nur sehr selten in Betracht. Gefahren können auch von
sonnenbeschienenen Schnee- und Wasserflächen ausgehen oder beim Rad- oder
Autofahren entlang einer sonnenbeschienenen Baumreihe, auch vom Flackerlicht in
einer Diskothek. Auch allein das Betrachten kontrastreicher Streifen- oder
Schachbrettmuster kann - selten - anfallsauslösend sein.
Den Kindern und Jugendlichen, die fotogene
Anfälle erlitten haben, können - neben der Einstellung mit Medikamenten -
folgende Empfehlungen gegeben werden:
Die Videospiele oder die Art
Fernsehsendungen, die einen Anfall ausgelöst haben, sind zu meiden. Das
Flimmern des Monitors, die besonderen Bildfolgen und -muster können optisch wie
psychisch sowohl einzeln wie auch zusammen als Auslöser gewirkt haben.
Farbbildschirme - zum Fernsehen und
als PC-Monitore - sind besser
verträglich als Schwarz-Weiß-Geräte. Der Bildschirm sollte eine hohe Bildwiederholfolge
aufweisen (100/sec). Er sollte aus größerer Entfernung - mindestens der
4-fachen Bildschirmdiagonale - in einem beleuchteten Raum betrachtet werden.
Beleuchtete Räume - oder auch nur Leuchten neben dem Fernsehgerät oder
PC-Monitor - sind wichtig, um die Hell-Dunkel-Kontraste abzuschwächen.
Kleinere Bildschirmformate sind
weniger anfallsauslösend als große, auch sind LCD/TRF-Monitore den
herkömmlichen Röhren-Monitoren vorzuziehen. In einigen Fällen empfiehlt sich
zusätzlich das Tragen einer grüngetönten polarisierten Sonnenbrille, die vom
Arzt verschrieben werden kann. Dies gilt auch für den Aufenthalt im Freien,
besonders bei Sonnenschein.
Wenn Videospiele oder
Fernsehsendungen in ihren Bildfolgen flackernde Lichtreize mit Frequenzen zwischen 5 und 50 / Sekunde
enthalten, können dafür empfindliche Kinder mit fotogenen Anfällen reagieren,
was dann auch ein flimmerfreier Bildschirm nicht verhindern kann.
Zu vermeiden ist außerdem eine
Übermüdung und Verkürzung des Nachtschlafs vor dem Fernsehapparat oder dem PC.
Sollten trotz der empfohlenen
Maßnahmen noch fotogene Anfälle auftreten, müssen Fernsehen, Videospiele und
PC-Nutzung notfalls ganz unterlassen werden. Dies gilt allgemein bei Übermüdung
und Fieber oder sonstigen, zusätzlich anfallsfördernden Umständen.
Besondere Vorsicht ist geboten beim
Baden, besonders bei Sonnenschein. Baden nicht in offenem und tiefem Wasser,
und nur mit enger Aufsicht.
Auch von Kindern und Jugendlichen
mit Epilepsien, die keine fotogenen Anfälle erlitten haben, sollte man wissen -
sonst erfragen - ob ihr EEG eine Fotosensibilität aufgedeckt hat, denn jedes 4.
Kind mit einer Epilepsie (siehe oben) ist fotosensibel. Besonders bei diesen
Kindern besteht die Möglichkeit - wenn auch nur geringe Wahrscheinlichkeit von
10 % - dass sie noch fotogene Anfälle erleiden. Bei allen fotosensiblen Kindern
sollte daher zumindest auf die o.a. Geräte-Empfehlungen geachtet werden.
Auch bei Anfallskindern ohne
fotogene Anfälle und ohne Fotosensibilität ist die erstmalige Auslösung von
Anfällen durch Lichtreize nicht auszuschließen, wenn auch sehr selten.
Verhältnismäßig größer ist die Möglichkeit bei primär generalisierten Anfällen.
Kinder mit partiellen/ fokalen Anfällen (ausgenommen bei Okzipitallappen-Epilepsien)
sind von fotogenen Anfällen dagegen kaum betroffen.
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