Neugeborenenkrämpfe

Warum bekommen Neugeborene Krämpfe?

Neugeborenenkrämpfe kommen bei etwa 300 Geburten ein mal vor ( Angaben zwischen 1,5 und 5,5 pro Tausend ). Sie sind etwa 5 mal häufiger bei Frühgeburten als bei ausgetragenen Kindern.

Die meisten Krämpfe in der Neugeborenenzeit - in den ersten vier Lebenswochen - werden durch Verletzungen oder andere Einwirkungen auf das kindliche Gehirn verursacht (= „symptomatische“ Neugeborenenkrämpfe). Häufig ist es ein Sauerstoffmangel unter der Geburt, oder eine Hirnquetschung oder –blutung. Auch eine Infektion mit Beteiligung des Gehirns, meist im Rahmen einer Allgemeininfektion, kommt in Frage, sowie noch im Mutterleib empfangene Medikamente oder Drogen oder deren plötzlicher Entzug. Auch Stoffwechselstörungen bei der Anpassung des kindlichen Organismus an seine Selbstständigkeit kommen vor; die Blutzucker-, Kalzium-, Magnesium- oder Natriumkonzentrationen im Blut des Neugeborenen können vermindert sein. Auch eine Hirnentwicklungsstörung kann eine Ursache sein. Nicht selten lässt sich eine Ursache nicht finden.

Das Othara–Syndrom und die „Frühe myoklonische Enzephalopathie“ können mit Krämpfen schon im Neugeborenenalter beginnen. Diese Erkrankungen sind aber sehr selten.

Außer diesen symptomatischen gibt es auch idiopathische - dann in der Regel gutartige - Neugeborenenkrämpfe: Die sehr seltenen familiären (ererbten) gutartigen Neugeborenenkrämpfe( siehe unten ) und die - mit einem Anteil von etwa 15% nicht so seltenen - "5–Tage-Krämpfe“ ("fifth-days-fits", siehe unten).

Der Zeitpunkt des Beginns der Neugeborenenkrämpfe gibt schon Hinweise auf die möglichen Ursachen. Diese sind in den ersten beiden Lebenstagen - noch bis zum 4. Tag - meistens ein Sauerstoffmangel oder eine Hirnverletzung unter der Geburt, daneben - weniger häufig - ein Blutzucker-, Kalzium- oder Natrium-Mangel. Schon in den ersten Lebenstagen - aber auch später noch - können außerdem Infektionen die Ursache sein. Vom 4.- 6.( selten 7. ) Lebenstag, mit Gipfel am 5. , finden sich die "fifth-days-fits"(siehe unten). Besonders auch in diesen Tagen kann sich ein Medikamentenentzug auswirken. Im späteren Neugeborenenalter auftretende Anfälle können auch durch Hirnfehlbildungen oder Stoffwechselstörungen bedingt sein.

Wie sehen Neugeborenenkrämpfe aus?

Die Anfälle sind ungewöhnlich vielgestaltig, weil das Gehirn des Neugeborenen noch sehr unreif ist. Die Verbindungen zwischen den Zellen und die Bahnen zwischen den funktionellen Zentren, besonders der Hirnrinde, und zwischen den Hirnhälften sind noch wenig ausgebildet. Man sieht fast immer mehrere Anfallstypen in wechselnder Ausprägung.

Es finden sich fokale, halbseitige und generalisierte tonische Anfälle, bei denen  Arme und Beine starr gestreckt oder die Arme gebeugt werden in Form von „tonischen Haltungsmustern“. Kloni ( rhythmische Zuckungen ) und Myoklonien - allein oder in Verbindung mit tonischen Anfällen - treten meist einseitig, oft auch wechselseitig auf. Einzelne Gliedmaßen zeigen - oft wechselseitig und unregelmäßig - einzelne oder kurze klonische Zuckungen, oder starre ( tonische ) und bizarre Haltungen und Bewegungen. Die Anfälle sind oft sehr kurz ( abortiv ) oder kaum sichtbar ( subtil/ engl.: „subtle seizures“ ), dazu in Ausprägung und Form sehr wechselnd und unregelmäßig ( polymorph ). Oft sind es wiederkehrenden „Automatismen“, wie stereotyp ablaufende mimische Verziehungen der Gesichts, besonders der Mundpartie ("Automatismen"), wie Schnauzen, Schmatzen, Saugen, Schlucken ), oder ein starres ( tonisches ) Verdrehen oder auch Zuckungen der Augäpfel ("Nystagmus"), oder die Gliedmassen zeigen sinnlose – wie rudernde, schwimmende, tretende - Bewegungsmuster.

Auch eine unregelmäßige Atmung bis zum zeitweisen Atemstillstand mit Blausucht ( Cyanose ) kann – allein oder zusätzlich - vorkommen.

 

Zu unterscheiden von Neugeborenenkrämpfen ist das harmlose "Zittern" („jitteriness“) bei übererregbaren Kindern, welches auch gelegentlich – im Unterschied zu Anfällen – schon durch Berührungsreize ausgelöst werden kann, jedoch nach Dehnung und Bewegung des betr. Gliedes meist verschwindet. Die "gutartigen Schlaf-Myoklonien des Neugeborenen und Säuglings" - sind nur im Schlaf oder bei deutlicher Müdigkeit zu beobachten. Dabei sieht man irreguläre wie auch rhythmische Zuckungen einzelner Arme oder Beine, die meist mehrere Minuten, selten über ein halbe Stunde, anhalten können. Diese hören nach Weckreizen sofort auf, was sie von epileptischen Anfällen unterscheidet. Das EEG ist unauffällig auch während der Myoklonien. Auch vegetative Begleiterscheinungen ( Atemstillstand, Blass- und Blauwerden ) kommen in der Regel nur bei Anfällen vor. Schlaf-Myoklonien verschwinden meistens innerhalb der ersten 3 Monate ohne Behandlung.

 

Welche Untersuchungen werden bei Neugeborenenkrämpfen vorgenommen?

Die Anfallsform und der neurologische Befund können Hinweise auf die Ursache der Anfälle und den Ort der Störung im Gehirn geben.

Die kinderärztliche Untersuchung und Blutuntersuchungen lassen Infektionen oder Stoffwechselstörungen erkennen.

Weitere Untersuchungen werden die besonderen Umstände bei der Schwangerschaft und Geburt in Betracht ziehen. Eine Untersuchung des Hirnwassers kann notwendig sein. Weil in diesem Alter noch weit offene Lücken (Fontanellen) zwischen den Schädelknochen bestehen, kann eine Ultraschalluntersuchung (Sonographie) über Verletzungen des Gehirns und Anomalien der Hirnbildung Aufschluß geben. Andere bildgebende Verfahren, vor allem eine MRT, können zusätzlich eingesetzt werden.

Das EEG kann Herdbefunde zeigen in Form von Verlangsamungen und Abflachungen der Kurve, auch Hinweise auf Anfallsherde in Form von sharp waves. Doch fehlen auch bei sicheren Krampferscheinungen nicht selten eindeutige Veränderungen.

 

Welche Behandlung erfolgt bei Neugeborenenkrämpfen?

Die Behandlung muß stationär in einer Kinderklinik erfolgen. Falls möglich, wird die Ursache der Anfälle beseitigt, also etwa eine verminderte Mineralstoff- oder Zuckerkonzentration im Blut durch eine Infusion ausgeglichen.

Eine Sauerstoffgabe und eine Beatmung können notwendig sein.

Das Mittel der ersten Wahl zur Dämpfung der Anfallsbereitschaft ist Phenobarbital. Bei der Dosierung wird der Arzt die Anfallsbereitschaft des Kindes, später auch seine Phenobarbital-Blutspiegel beachten. Nach Aufhören der Anfallsbereitschaft wird die Phenobarbitalgabe zunächst noch vorbeugend fortgesetzt. Empfohlen werden meist 3-4 mg pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag, die Fortführung der Medikation bei Anfallsfreiheit meist nur über 2-6 Wochen, selbst bei Hirnverletzungen mit der Gefahr einer später sich noch entwickelnden Epilepsie. Die Entscheidungen darüber müssen jedoch individuell vom Arzt getroffen werden.

Welche Aussichten bestehen für den Säugling nach Neugeborenenkrämpfen?

Von den Anfällen selbst sind Hirnschädigungen nicht zu erwarten.

Wenn in seltenen Fällen die Familien-Vorgeschichte auf familiäre (autosomal dominant vererbte) gutartige Säuglingsanfälle (BFIC) hinweist, beginnen diese meistens am 2. bis 3. Lebenstag. Sie hören in den in der Regel in den ersten Lebensmonaten wieder auf; ausnahmsweise wird auch ein Auftreten erst im 2. Lebensjahr beschrieben. Nur in etwa 10-15 % der Fälle treten später wieder Anfälle in anderer Form auf.

Eine ähnlich gute Prognose haben die "Neugeborenenkrämpfe des 5. Lebenstages". Sie treten fast nur zwischen dem 4. und  6. Lebenstag - dann oft länger andauernd und gehäuft - auf, hören aber schon innerhalb weniger Tage auf. Betroffen sind mehr Knaben als Mädchen. Man kann diese Form der Anfälle annehmen, wenn bei reifgeborenen Kindern weder die Vorgeschichte noch die Untersuchungen einen Anhalt für Hirnschädigungen ergeben, und nur klonische fokale und keine tonischen Anfälle auftreten.

Symptomatische Neugeborenenkrämpfe ( siehe oben ) zeigen oft ungünstige Verläufe, besonders nach Auftreten von Atemstillständen mit notwendiger Beatmung, häufigen tonischen Anfällen und bei Frühgeburten. Etwa jedes 4. Kind überlebt nicht, von den Überlebenden behalten etwa 40 % einen Hirnschaden, und bei ca. 20 Prozent entwickelt sich - meist schon im ersten Lebensjahr - eine Epilepsie.

Bei etwa jedem 2. Kind mit symptomatischen Neugeborenkrämpfen ist eine weitgehend ungestörte Entwicklung zu erwarten, besonders dann, wenn die Kinder reif geboren wurden und die neurologischen Untersuchungsbefunde und das EEG sich in den ersten Lebensmonaten normalisieren.

Übersicht: Fragen zu Anfällen

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